GG 66

Germanograeciae Libri sex: In quorum prioribus tribus, Orationes: in reliquis Carmina, Graeca & Latina, continentur. Ob Graecae linguae studium, quod iampridem Alpes in Germaniam transvolavit, diligenter retinendum, & ad plurimarum rerum, quae ab anno M. D. LXVI usque ad tempus praesens contigerunt, non iniucundam cognitionem, editi. Auctore Martino Crusio, utriusque linguae in Tybingensi Academia Professore... Basel: Leonhard Ostein für Verlag Sebastian Henricpetris (1585). Fol.

Ein Jahr nach seinem Sammelwerk der Turcograecia zur Geschichte, Religion, Kultur und Sprache der Griechen der letzten Jahrhunderte, vor allem seit der Eroberung Konstantinopels durch die Türken (GG 65), lässt Crusius beim selben Verleger Henricpetri und Drucker Ostein in Basel ein weiteres, nicht viel weniger umfangreiches folgen, in dem er nun, wie der Titel Germanograecia schon zeigen soll, die griechisch-deutsche Kultur, die griechische - humanistische und philhellenische - Kultur in Deutschland zeigen will. Es enthält in den ersten drei Büchern Reden des Crusius und akademische Disputationen unter seiner Leitung: 1. lateinische Reden, die sich mit der griechischen Literatur befassen; 2. griechische Reden des Crusius zu ähnlichen Themen mit lateinischer Übersetzung; 3. akademische Disputationen mit griechischer Problemstellung und griechischer Antwort, beides mit lateinischer Übersetzung. In den Büchern 4-6 griechische Gedichte des Crusius mit lateinischer Übersetzung; alles seit dem Druck von 1566 entstanden. Durch die umfassenden Kommentare, vor allem zu den Gelegenheitsgedichten, kann man die Sammlung nebenbei geradezu als ein Tagebuch der Universität Tübingen für die behandelten Jahrzehnte verwerten.

In seiner Widmung an seinen Herrn, den Herzog von Württemberg Ludwig, vom 17. Februar 1585, "an welchem Tage hier 16 Magistri artium Philosophiaeque" geschaffen wurden (grad nochmals ein Tagebucheintrag...) schildert Crusius die Entstehung seiner Reden- und Gedichtesammlung von 1547 an, kommt dabei auf den Druck von 1566 zu sprechen, darauf dass er dieses Mal alle Gedichte selber ins Lateinische übersetzt habe, erwähnt einzelne Reden wegen ihrer besonderen Gelegenheiten, dass die gute Aufnahme seiner Turcograecia ihn veranlasst habe, nun auch diese Germanograecia herauszugeben (ohne einigermassen anständigen Verkauf hätte sich Henricpetri wohl auch kaum zum neuen Druck bereitgefunden; immerhin figurieren beide Werke aber auch noch im Verlagskatalog von 1606). Er weist auf den Anfang der deutschen Gräzistik mit Johannes Reuchlin hin, den auch der Grieche Johannes Argyropulos in Rom gewürdigt habe, auf den Griechischunterricht in vielen deutschen Gymnasia und Scholae, d.h. Universitäten und Gymnasien, durch den direkten Unterricht des Lehrers (viva voce) und Bücher verschiedenen Inhalts. Er habe Freude daran, und das brauche es auch; denn bei vielen beginne der Eifer zu erkalten, und es sei zu befürchten, dass Ehrgeizlinge, Undankbare, Stänkerer so, wie sie die bisherigen nützlichen Künste und Wissenschaften zu vernichten trachteten, dies auch mit der Pflege und Methodik der griechischen Sprache vorhätten. So wie Leute, die sich für grosse Philosophen hielten, die Grammatiker wertlose Dummköpfe hielten, obwohl sie rein nichts zum Unterricht der Jugend beigetragen hätten und dies auch gar nicht vermöchten. Aber aus dem Unterricht der Grammatiker gingen, ohne Zutun der Sophisten, nach weiteren Studien immerhin die weisen Theologen, die hervorragenden Rechtsgelehrten, die scharfsinnigsten Philosophen und die klügsten Kanzler und Berater der Kaiser und Fürsten hervor. Man müsse darauf schauen, dass das Griechischstudium nicht allgemein erkalte oder verkomme. Er tue es seit 26 Jahren durch seinen Unterricht in Latein und Griechisch an der Universität des Herzogs. Und er wünschte, die wahre Lehre der Kirche (d.h. die lutherische Konfession, deren Hochburg in Südwestdeutschland die Universität Tübingen bildete) nach Griechenland bringen zu können, welchen Wunsch auch seine Arbeiten zum Katechismus, zur Theologie, zu den Acta Constantinopolitana belegten. Schliesslich weist er auf die Schwierigkeit hin, einen Drucker für seine griechischen Sachen zu finden, dass er aber deswegen nicht von seinen Bemühungen ablasse; den Ausgang stelle er Gott anheim. Dann folgen Hinweise auf den Inhalt: die Reden, die Gedichte und die reichhaltigen Annotationes über Gegenden, Menschen und anderes Wissenswertes (bis zu langen Berichten von entkommenen türkischen Gefangenen in spanischer Sprache und lateinischer Zusammenfassung, einer Illustration zum Palast der Gesandten Ungnad und Sintzendorff auf S. 221-225), wobei er viele, Freunde und andere, ehrenvoll erwähne, und die Begründung der Widmung: die engen Verbindungen der Häuser von Hessen und Württemberg, die Förderung der Universitäten in Marburg und Tübingen (Academia, Gymnasium für beide), seine Lehrtätigkeit und dass man nach den berühmten Griechischlehrern Camerarius und Garbitius nicht sagen könne, den alten Lehrstuhl habe ein Unwürdiger inne.

Der Widmung folgen als Beigaben lateinische Epigramme zweier Poetae laureati bzw. coronati: Johannes Lauterbach und Salomon Frenzel aus Breslau, sowie von Leonhard Engelhard aus Stuttgart an Crusius und eine längere griechische Elegie des Hallenser Arztes und Rates Paulus Dolscius, schliesslich wie in der Turcograecia das Wappen und das Porträt des Crusius mit den Epigrammen von 1584. W 201.

Aus Besitz Remigius Faeschs (zusammengebunden mit der Turcograecia [GG 65]): E K V 52 Nr. 2.

Bibliothekskatalog IDS

Signatur: EK V 52:2

Illustrationen

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Titelseite

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2(:)r: Vorrede des Crusius an Herzog von Württemberg Ludwig, Tübingen, 17. Februar 1585, 1. Seite.

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2(:)v: Vorrede des Crusius, 2. Seite.

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3(:)r: Vorrede des Crusius, 3. Seite.

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3(:)v: Vorrede des Crusius, 4. Seite.

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4(:)r: Vorrede des Crusius, 5. Seite.

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4(:)v: Vorrede des Crusius, 6. Seite.

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1av: Beginn des 1. Buches der Germanograecia.